25.10.2017

News

Der positive Fußabdruck

Rund 40 Besucher trafen beim Oberflächentechnikunternehmen Voigt & Schweitzer (ZINQ) in Essen ein, um die Cradle to Cradle-Idee live und in Farbe zu sehen. Mit dabei der Geschäftsführer des Cradle to Cradle e. V. Tim Janßen und die frühere niedersächsische Umweltministerin und Vorsitzende des Vereins Dr. Monika Griefahn.

 

Punkt 8:30 Uhr biegt der Bus mit den Besuchern in das Industriegebiet ein und hält vor dem blauen Industrielager, auf dessen Wellblechfassade vier große Buchstaben leuchten: ZINQ. Während die Sonne über den Hallendächern noch aufgeht, steigen die Gäste vor der Essener Produktion des Traditionsveredelers aus. Eine bunte Gruppe im Alter zwischen 20 und 60 Jahren. Menschen aus dem produzierenden Gewerbe, Handwerker, aber auch Akademiker und Politiker. Und alle eint das Interesse an der Wiederverwertbarkeit von Stoffen und damit ein ökologisches wie ökonomisches Bewusstsein für die wachsende Bedeutung der Wirtschaftskreisläufe. Und so erleben sie an diesem Tag eine rund 2,5-stündige (Ein-)Führung durch die Welt der Feuerverzinkung.

 

Eine Art Verpackung

Den Einstieg macht der geschäftsführende Gesellschafter des Unternehmens, Lars Baumgürtel. Kurzweilig erläutert er die grundlegenden Aufgaben des Feuerverzinkens und sagt:

"Wir schützen Stahl vor Korrosion, indem wir eine Zinkschicht aufbringen. Damit kann es durchaus sein, dass Stahlkonstruktionen ohne Wartung und ohne Instandhaltung in 100 und 150 Jahren noch genau so da stehen wie heute."


Eine beeindruckende Zahl, die bei den Besuchern nicht ohne Wirkung bleibt. Ein anerkennendes Raunen begleitet die nächsten Sätze, die zielsicher auf die Hürden der Zertifizierung des eigenen Verfahrens hinsteuern. Damals, als der erste Kontakt zu Prof. Dr. Michael Braungart, u. a. Gründer und wissenschaftlicher Geschäftsführer des internationalen Umweltforschungs- und Beratungsinstitut EPEA und Cradle to Cradle-Pionier, entstand, wollte dieser die besonderen Recyclingqualitäten verzinkter Güter noch nicht akzeptieren, da es sich hierbei lediglich um eine Oberfläche handele, nicht aber um ein zertifizierbares Produkt. "Am Ende sagten wir, dass Zink doch in Grunde nichts anderes als eine Verpackung für den Stahl ist, wie ein Karton - und Kartons sind Produkte."

Heute ist das Unternehmen mit der Dachmarke ZINQ® das weltweit einzige Cradle to Cradle-zertifizierte Unternehmen der Oberflächentechnik. Eine Ausnahme, die Baumgürtel weniger freut, als dass sie ihn nachdenklich stimmt, denn im Grunde könnten alle Beschichtungsunternehmen, sofern die Kriterien der Zertifizierbarkeit erfüllt werden, sich dieser wertschätzenden Idee anschließen. Engagement vorausgesetzt. Anders als die reine Lehre der Effizienz im Umgang mit Energie und Ressourcen, ist in der Cradle to Cradle-Philosophie die Nutzung von Ressourcen keine Frage der Quantität, sondern der Qualität.  Grundvoraussetzung hierbei ist die Verwendung von hochwertigen, „guten“ Materialien und die Möglichkeit, die Materialqualität permanent und jederzeit in geschlossenen Kreisläufen aufrecht zu erhalten. Unter diesen Bedingungen ist Cradle to Cradle ein wachstumsorientiertes Wirtschaftsmodell und erlaubt "Mehr vom Richtigen" – im Gegensatz zu reinen Effizienzansätze, die in der letzten Konsequenz immer das Ende wirtschaftlichen Wachstums und damit auch des Wohlstandszuwachses bedeuten.

Nachhaltigkeit = Cradle to Cradle?

Der Begriff der Nachhaltigkeit ist in den letzten Jahren durch exzessive, teilweise missbräuchliche Nutzung stark verwässert worden. Nachhaltiges Handeln wird auf Unternehmensebene häufig in den Kontext von Einzelmaßnahmen oder übergeordneten Strategien gesetzt. Ob dies dem Anspruch der Thematik gerecht wird, sei zu bezweifeln.

Cradle to Cradle hingegen bietet ein konkretes Konzept mit einer ISO-konformen Zertifizierung als Beleg für das Umsetzen von Vorgaben. In verschiedenen Handlungsfeldern gibt es klare Kriterien. Im Prozess und am Produkt wird ein vollständiges stoffliches Recycling vorausgesetzt. Verglichen mit Managementsystemen wie ISO14000 oder EMAS geht es nicht nur um Verbesserungen im quantitativen Sinn. Bei Cradle to Cradle muss man damit rechnen, dass Produkte, die Kriterien aufgrund ihrer Qualität oder Eigenschaften nicht erfüllen können, daher auch grundsätzlich nicht zertifizierbar sind.
In fünf Kategorien werden die Produktmaterialien und Verarbeitungsprozesse  bewertet. Dazu zählen Materialgesundheit der eingesetzten Inhaltsstoffe, die Kreislauffähigkeit des Produkts im technischen oder biologischen Kreislauf, die Nutzung von erneuerbaren Energien, verantwortungsvolles Wassermanagement sowie die Einhaltung sozialer Standards.

 

Mit allen Sinnen

Für einen Teil der Gruppe steigt nun die Umgebungstemperatur, da sie eingeladen sind, die Feuerverzinkung aus nächster Nähe zu begleiten. Mit Schutzhelm und -brille ausgestattet erfahren sie am 450 Grad heißen Kessel was es bedeutet, Stahl vorzubehandeln, sie erfahren von der getrennten Beizwirtschaft, einer Flussmittelaufbereitungsanlage und sie sind dabei, wenn tonnenschwere Metallteile mit Hilfe eines Krans in das gigantische Becken aus flüssigem Zink eingetaucht werden. Es dampft und riecht, es ist laut und es ist warm. Und genau das ist Industrie: ein Ort, an dem Güter produziert werden. In einer Welt aus Konzepten, Dienstleistungen und Absichtserklärungen mutet es beinahe archaisch an, und doch ist die Welt auch im Jahr 2017 ohne Industrie nichts.

 

Die herausragende Rolle

Auch die ehemalige niedersächsische Umweltministerin und Vorsitzende des Cradle to Cradle e. V. Dr. Monika Griefahn unterstützt die Ansätze des ZINQ-Chefs:

"Ich halte es für essentiell, dass sich Unternehmen mit der Cradle to Cradle-Idee auseinandersetzen, weil ich glaube, dass es die einzige Perspektive und eine Selbstverständlichkeit in der Zukunft der Produktion ist und weil alle Ressourcen dem Ende zugehen."


Ein Plädoyer für die weitsichtige Industrie von heute und die endgültige Abkehr der materiellen Rücksichtslosigkeit vorangegangener Generationen. Und Tim Janßen, Geschäftsführer des Cradle to Cradle e. V. ergänzt:

"Es ist für uns etwas Besonderes hier zu sein, weil wir hier einen industriellen Maßstab erleben, der auch für den C2C-Verein nicht die Regel ist. Es sollten viel mehr Unternehmen in diese Richtungen gehen, und darum ist ZINQ sicherlich noch ein Unternehmen, das eine herausragende Rolle in diesem Bereich und in der Branche spielt."


Wo Baumgürtel die Besucher wortwörtlich abholte, ergänzt dessen Forschungs- und Entwicklungsleiter Dr. Thomas Pinger die fachlichen Details, die aus den praktischen ein belastbares Bild vom modernen Feuerverzinken formen. Ein zertifiziertes Feuerverzinken, das weltweit seinesgleichen sucht und sich doch viel lieber in guter Gesellschaft Gleichgesinnter befände.


Etwas fürs Auge

v.l. Dr. Thomas Pinger, Dr. Monika Griefhan, Lars Baumgürtel, Nora Sophie Griefahn, Tim Jansen.
Cradle to Cradle-live und in Farbe:
ZINQ als Beispiel für C2C in der Oberflächentechnik.
Dirk Biegel, Werkleiter am Standort Essen, führte die Besucher durch seine Anlage.
duroZINQ® und microZINQ® sind weltweit die einzigen von C2C zertifizierten Oberflächen – und entsprechen heute schon den Vorgaben der EU Circular Economy Richtlinie.
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